Er lebt noch, der Mann, der die stabilen Körbe
und Taschen aus Espartogras herstellt. Er heißt
Mariano Simon und wohnt auf dem CAP DE BARBARIA. Ich
fahre zu ihm.
Da steht er unter dem Vordach seines Hauses, untersetzt,
kräftig, mit vollem dunklen Haar, in dem, wie
eingeflochten, nur wenige graue Fäden sind. Kaum
zu glauben, daß er schon über achtzig ist.
Wir setzen uns auf die niedrigen Stühle. Ich will
ihm bei der Arbeit zuschauen.
Er nimmt etwa fünfzig Halme, teilt sie in fünf
Stränge und beginnt damit zu flechten, zwei rechts,
drei links und umgekehrt. Bei jedem Seitenwechsel packt
Mariano Simon einen neuen Halm dazu. So entsteht ein
drei Finger breiter Streifen, der endlos sein könnte,
sofern ihm nicht das Material ausginge oder die Kräfte
verließen. Mit dem Materialnachschub hat Mariano
tatsächlich Probleme. Er ist der einzige, der
noch Espartogras verwendet.
Carlos von der Eisenwarenhandlung in San Francisco muß
es extra für ihn auf dem Festland bestellen. Früher
wuchs Esparto an einigen Stellen der Insel, und in
vielen Häusern saßen Männer, die aus
harten Halmen die verschiedensten Behälter fertigten:
Tragetaschen für Früchte und Erde und solche,
die in der Zwillingsausführung den Eseln übergeworfen
wurden. In die besonders fein gearbeiteten Körbe
legten die Frauen ihre Wäsche.
Vorbei, alles ersetzt durch Plastik oder Gummi. Dennoch
hat Mariano genügend Aufträge. Es gibt Leute,
die den Rüttelweg zu seinem Haus nicht scheuen,
die unbedingt einen handgeflochtenen Korb haben wollen,
um ihn nach München , Paris oder Stockholm mitzunehmen.
Acht Meter von dem geflochtenen Band braucht Mariano
für einen Korb. Die Streifen näht er zusammen,
mit einem wiederum geflochtenen Faden aus Esparto,
aber solches, das er vorher mit einem Stein weich geschlagen
hat. Es ist unglaublich, wieviel Mühe, wieviel
Kraft er braucht, um die störrischen Halme zu
bändigen.
"Ja, manchmal tut mir die Schulter weh", sagt
er. Von seinen Fingern, die rund und voller Schwielen
sind, spricht er gar nicht. Er erzählt von seiner
Kindheit. Dreizehn Kinder waren da im Haus. Die Mutter
starb, als er zwölf Jahre alt war. Da mußte
er den Haushalt versorgen, waschen, Essen kochen, die
Sachen seiner Brüder flicken. Sehr früh ging
er aus dem Haus, hütete Schafe bei Verwandten,
die ihn dafür durchfütterten. Später
arbeitete er in den Salinen, ein Knochenjob. "Wir
trugen das Salz in Körben auf dem Kopf, und das
Salzwasser fraß sich durch die Lappen, die wir uns
als einzigen Schutz um die Stirn wickelten. Der Lohn waren ein
paar Peseten. Aber andere Arbeit gab es nicht."
Nicht auf der Insel. Marianos Bruder heuerte auf einem
Schiff an. In nahezu jeder Familie fuhr damals einer
zur See. Während die Ibizenkos hauptsächlich
afrikanische Häfen anliefen, verschlug es die
Männer von Formentera bis nach Südamerika.
Manche kamen Weihnachten kurz zu Besuch, brachten Geschenke
mit und etwas Geld, andere blieben bis zu drei Jahre
unterwegs. Und einige, wie Marianos Bruder, blieben
in der Fremde, gründeten dort Familien.
So kommt es, daß viele Formenterenser Verwandte
in Argentinien, Uruguay und auf Kuba haben. Havanna
ist, seit das Reisen für die Einheimischen erschwinglich
wurde, ein beliebtes Ziel. Wer nicht selber fliegt,
versucht durch andere, mit den Verwandten in Südamerika
Kontakt aufzunehmen.
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