IBIZA ONLINE Niklaus Schmid: Formentera


Auszug aus dem 7. Kapitel


September. Körbe kontra Plastiktaschen, Kaninchen gegen Taschenrechner



Er lebt noch, der Mann, der die stabilen Körbe und Taschen aus Espartogras herstellt. Er heißt Mariano Simon und wohnt auf dem CAP DE BARBARIA. Ich fahre zu ihm.
Da steht er unter dem Vordach seines Hauses, untersetzt, kräftig, mit vollem dunklen Haar, in dem, wie eingeflochten, nur wenige graue Fäden sind. Kaum zu glauben, daß er schon über achtzig ist. Wir setzen uns auf die niedrigen Stühle. Ich will ihm bei der Arbeit zuschauen.

Er nimmt etwa fünfzig Halme, teilt sie in fünf Stränge und beginnt damit zu flechten, zwei rechts, drei links und umgekehrt. Bei jedem Seitenwechsel packt Mariano Simon einen neuen Halm dazu. So entsteht ein drei Finger breiter Streifen, der endlos sein könnte, sofern ihm nicht das Material ausginge oder die Kräfte verließen. Mit dem Materialnachschub hat Mariano tatsächlich Probleme. Er ist der einzige, der noch Espartogras verwendet.
Carlos von der Eisenwarenhandlung in San Francisco muß es extra für ihn auf dem Festland bestellen. Früher wuchs Esparto an einigen Stellen der Insel, und in vielen Häusern saßen Männer, die aus harten Halmen die verschiedensten Behälter fertigten: Tragetaschen für Früchte und Erde und solche, die in der Zwillingsausführung den Eseln übergeworfen wurden. In die besonders fein gearbeiteten Körbe legten die Frauen ihre Wäsche.

Vorbei, alles ersetzt durch Plastik oder Gummi. Dennoch hat Mariano genügend Aufträge. Es gibt Leute, die den Rüttelweg zu seinem Haus nicht scheuen, die unbedingt einen handgeflochtenen Korb haben wollen, um ihn nach München , Paris oder Stockholm mitzunehmen. Acht Meter von dem geflochtenen Band braucht Mariano für einen Korb. Die Streifen näht er zusammen, mit einem wiederum geflochtenen Faden aus Esparto, aber solches, das er vorher mit einem Stein weich geschlagen hat. Es ist unglaublich, wieviel Mühe, wieviel Kraft er braucht, um die störrischen Halme zu bändigen.
"Ja, manchmal tut mir die Schulter weh", sagt er. Von seinen Fingern, die rund und voller Schwielen sind, spricht er gar nicht. Er erzählt von seiner Kindheit. Dreizehn Kinder waren da im Haus. Die Mutter starb, als er zwölf Jahre alt war. Da mußte er den Haushalt versorgen, waschen, Essen kochen, die Sachen seiner Brüder flicken. Sehr früh ging er aus dem Haus, hütete Schafe bei Verwandten, die ihn dafür durchfütterten. Später arbeitete er in den Salinen, ein Knochenjob. "Wir trugen das Salz in Körben auf dem Kopf, und das Salzwasser fraß sich durch die Lappen, die wir uns als einzigen Schutz um die Stirn wickelten. Der Lohn waren ein paar Peseten. Aber andere Arbeit gab es nicht."

Nicht auf der Insel. Marianos Bruder heuerte auf einem Schiff an. In nahezu jeder Familie fuhr damals einer zur See. Während die Ibizenkos hauptsächlich afrikanische Häfen anliefen, verschlug es die Männer von Formentera bis nach Südamerika. Manche kamen Weihnachten kurz zu Besuch, brachten Geschenke mit und etwas Geld, andere blieben bis zu drei Jahre unterwegs. Und einige, wie Marianos Bruder, blieben in der Fremde, gründeten dort Familien.
So kommt es, daß viele Formenterenser Verwandte in Argentinien, Uruguay und auf Kuba haben. Havanna ist, seit das Reisen für die Einheimischen erschwinglich wurde, ein beliebtes Ziel. Wer nicht selber fliegt, versucht durch andere, mit den Verwandten in Südamerika Kontakt aufzunehmen.




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