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Sanft neigt sich die Straße der Küste zu.
Unsere Fahrräder kriegen Flügel. Dort hinten
steht der Leuchtturm. Wir rasen auf ihn zu. Das flache,
steinige Land fliegt an uns vorbei. Schemenhaft sind
Steinkreise auszumachen, von denen man annimmt, daß
sie von den Ureinwohnern für Kulthandlungen errichtet
wurden.
Groß ist die Verführung, die Räder bis
zu dem Punkt rasen zu lassen, wo es keine Umkehr mehr
gibt, wo sich das Land jäh in die Tiefe stürzt.
Nicht alle Besucher konnten der Versuchung widerstehen.
Es ist vorgekommen, daß ein Motorradfahrer, so
von Wind und Wahn getragen, auf den letzten Metern
noch aufdrehte.
"Die kupfern-goldene Harley in weichem Bogen
über den Klippen, einen Sekundenbruchteil wie
reglos in der Luft... Dann die Dunkelheit darunter.
Blauschwarz das Meer. Tiefe. Unendlichkeit. Die krachende
Brandung verschluckte alle anderen Geräusche."
So läßt Irene Rodrian ihren Roman "Über
die Klippen" auf Formentera enden.
Wir bremsen ab, lehnen die Räder gegen die Leuchtturmmauer.
Wenige Schritte nach rechts befindet sich ein Loch
in der Felsplatte. Ausflügler steigen gern in
die Höhle. Sie ist nicht viel größer
als ein Wohnzimmer, hat aber einen phantastischen Panoramablick,
und man kann auf eine Art Balkon treten und vor dem
majestätischem Meer die Arme ausbreiten. Diese
Höhle und der anderthalb Kilometer östlich
gelegene Sarazenenturm sind die Anziehungspunkte am
KAP BARBARIA.
Es gibt noch vier weitere Piratentürme. Doch der
Torre des Garroveret auf dem Kap ist besonders gut
erhalten. Über das ockerbraune Gemäuer streichen
die Schatten der Wolken, die unter der Sonne vorbeifliegen.
Seevögel, in den Klippen Ziegen, Geröll und
ein unendlicher Himmel - dies könnte das Ende
der Welt sein, ist aber nur der südlichste Punkt
der Insel.
Wir gehen die Steilküste entlang, Curro voran,
ich vorsichtig hinterdrein. Er dreht sich um, sagt:
"Da ist sie, die Höhle, gleich neben dir."
Ich blicke um mich. Nur Krüppelkiefern, die sich
ins Gestein krallen, Dornbüsche, harte Gräser
und Felsplatten, die bei jedem Tritt nachzugeben drohen.
"Ich sehe nichts."
Er drückt die Zweige eines Busches zur Seite, und
dahinter erscheint ein Loch im Felsen, nicht viel größer
als der Eingang zu einer Hundehütte. Wir kriechen
hinein. Drinnen knipsen wir die Taschenlampen an. Das
Licht fällt auf die feuchtglitzernden Wände einer
Höhle, so groß wie ein Weinkeller. Von diesem
Gewölbe gehen mehrere Gänge ab. Curro hat
sie erforscht. Die meisten führen in Sackgassen,
einen hat er markiert.
Ich folge dem geisternden Schein seiner Lampe. Mal kann
ich aufrecht gehen, dann muß ich mich bücken,
hin und wieder geht es nur auf allen vieren weiter.
Gut, daß wir uns Lappen um Knie und Ellbogen
gewickelt haben. Stalaktiten und Stalagmiten glitzern
im Schein der Taschenlampe, einige so fein wie gefrorener
Schnürlregen, andere kräftig wie Elefantenfüße.
Die Höhlen, so hatte ich damals in der Cueva de
Jeroni gelernt, entstehen durch versickerndes Regenwasser,
und die Tropfsteine wachsen dadurch, daß sich
Kalk ablagert. Für einen Zentimeter braucht die
Natur rund hundert Jahre. Mit Ehrfurcht betrachte ich
den Vorhang aus vier, fünf Meter hohen Zapfen.
Wunderschön und zerbrechlich! Nie würde ich,
nie könnte ich - doch da ist Curro schon durch.
Auf dem Bauch und gewandt wie ein Schlange ist er in
einem Spalt verschwunden. Ich mache es ihm nach, weniger
gewandt. Es geht noch um ein paar Ecken, durch einen
Binnensee, und dann tut sich ein Gewölbe auf,
hoch wie eine Kapelle. Am Ende steht sogar, einem Altar
ähnlich, ein glattgeschliffener Felsblock.
"Kennst du die Legende von der COVA MALA?"
fragt Curro, während wir uns ausruhen, und er
beginnt zu erzählen: ...
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