IBIZA ONLINE Niklaus Schmid: Formentera


Auszug aus dem 9. Kapitel


November. Höhle ohne Wiederkehr, Mutschmanns Reise ohne Ende



Sanft neigt sich die Straße der Küste zu. Unsere Fahrräder kriegen Flügel. Dort hinten steht der Leuchtturm. Wir rasen auf ihn zu. Das flache, steinige Land fliegt an uns vorbei. Schemenhaft sind Steinkreise auszumachen, von denen man annimmt, daß sie von den Ureinwohnern für Kulthandlungen errichtet wurden.

Groß ist die Verführung, die Räder bis zu dem Punkt rasen zu lassen, wo es keine Umkehr mehr gibt, wo sich das Land jäh in die Tiefe stürzt. Nicht alle Besucher konnten der Versuchung widerstehen. Es ist vorgekommen, daß ein Motorradfahrer, so von Wind und Wahn getragen, auf den letzten Metern noch aufdrehte.

"Die kupfern-goldene Harley in weichem Bogen über den Klippen, einen Sekundenbruchteil wie reglos in der Luft... Dann die Dunkelheit darunter. Blauschwarz das Meer. Tiefe. Unendlichkeit. Die krachende Brandung verschluckte alle anderen Geräusche."

So läßt Irene Rodrian ihren Roman "Über die Klippen" auf Formentera enden.

Wir bremsen ab, lehnen die Räder gegen die Leuchtturmmauer. Wenige Schritte nach rechts befindet sich ein Loch in der Felsplatte. Ausflügler steigen gern in die Höhle. Sie ist nicht viel größer als ein Wohnzimmer, hat aber einen phantastischen Panoramablick, und man kann auf eine Art Balkon treten und vor dem majestätischem Meer die Arme ausbreiten. Diese Höhle und der anderthalb Kilometer östlich gelegene Sarazenenturm sind die Anziehungspunkte am KAP BARBARIA.

Es gibt noch vier weitere Piratentürme. Doch der Torre des Garroveret auf dem Kap ist besonders gut erhalten. Über das ockerbraune Gemäuer streichen die Schatten der Wolken, die unter der Sonne vorbeifliegen. Seevögel, in den Klippen Ziegen, Geröll und ein unendlicher Himmel - dies könnte das Ende der Welt sein, ist aber nur der südlichste Punkt der Insel.

Wir gehen die Steilküste entlang, Curro voran, ich vorsichtig hinterdrein. Er dreht sich um, sagt:

"Da ist sie, die Höhle, gleich neben dir."

Ich blicke um mich. Nur Krüppelkiefern, die sich ins Gestein krallen, Dornbüsche, harte Gräser und Felsplatten, die bei jedem Tritt nachzugeben drohen.

"Ich sehe nichts."

Er drückt die Zweige eines Busches zur Seite, und dahinter erscheint ein Loch im Felsen, nicht viel größer als der Eingang zu einer Hundehütte. Wir kriechen hinein. Drinnen knipsen wir die Taschenlampen an. Das Licht fällt auf die feuchtglitzernden Wände einer Höhle, so groß wie ein Weinkeller. Von diesem Gewölbe gehen mehrere Gänge ab. Curro hat sie erforscht. Die meisten führen in Sackgassen, einen hat er markiert.

Ich folge dem geisternden Schein seiner Lampe. Mal kann ich aufrecht gehen, dann muß ich mich bücken, hin und wieder geht es nur auf allen vieren weiter. Gut, daß wir uns Lappen um Knie und Ellbogen gewickelt haben. Stalaktiten und Stalagmiten glitzern im Schein der Taschenlampe, einige so fein wie gefrorener Schnürlregen, andere kräftig wie Elefantenfüße.

Die Höhlen, so hatte ich damals in der Cueva de Jeroni gelernt, entstehen durch versickerndes Regenwasser, und die Tropfsteine wachsen dadurch, daß sich Kalk ablagert. Für einen Zentimeter braucht die Natur rund hundert Jahre. Mit Ehrfurcht betrachte ich den Vorhang aus vier, fünf Meter hohen Zapfen.

Wunderschön und zerbrechlich! Nie würde ich, nie könnte ich - doch da ist Curro schon durch.

Auf dem Bauch und gewandt wie ein Schlange ist er in einem Spalt verschwunden. Ich mache es ihm nach, weniger gewandt. Es geht noch um ein paar Ecken, durch einen Binnensee, und dann tut sich ein Gewölbe auf, hoch wie eine Kapelle. Am Ende steht sogar, einem Altar ähnlich, ein glattgeschliffener Felsblock.

"Kennst du die Legende von der COVA MALA?" fragt Curro, während wir uns ausruhen, und er beginnt zu erzählen: ...




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